Ansprechbarkeit

Peter L. Berger beschreibt in der Einladung zur Soziologie, wie Menschen zu Mitgliedern einer Gesellschaft werden: Sie bekommen eine Adresse. Nicht nur Straße und Stadt, sondern auch Alter, Name, Konfession, Nationalität, Schulklasse. Festgelegt haben diese Koordinaten Unbekannte, denen man nicht begegnet. In einer Gesellschaft, deren Verflechtungen weit über den eigenen Umkreis hinausreichen, funktioniert es nicht anders.

Das gilt auch dort, wo die Adresse selbst gewählt und der Umkreis überschaubar ist. Im Fediverse teilt die Adresse eine Instanz zu, für die jemand verantwortlich ist, den man erreichen kann. An der Leistung dieser Adresse ändert das nichts: ansprechbar und auffindbar zugleich.

Auffindbarkeit nutzen auch die, die schaden wollen. Wer das erlebt hat, gibt weniger preis, wählt sorgfältiger aus und schweigt im Zweifel. Das ist verständlich und im Einzelfall richtig. Blocklisten, Pseudonyme und geschlossene Instanzen haben ihren Sinn, nach Doxxing ist Verschwinden die einzige vernünftige Reaktion.

Problematisch wird es, wenn daraus ein Grundsatz wird. Dann bestimmen diejenigen, was dieser Raum ist, die ihn stören. Und auch die Zurückhaltung selbst wird berechenbar, weil sie immer denselben Reizen folgt.

Die Frage nach der Erforschung des Fediverse steht ebenfalls in diesem Zusammenhang. Eine Skepsis in Bezug auf Datenerhebungen hat daher gute Gründe. Sichtbarkeit war für viele hier schon einmal ein Risiko, und Datensammlung kennen sie als das, wovor sie geflohen sind. Die Gefahr liegt allerdings nicht nur darin, vermessen zu werden. Was in keiner Untersuchung vorkommt, gilt irgendwann als zu klein, um überhaupt untersucht zu werden. Über die großen Plattformen existiert eine Erzählung, geliefert von ihnen selbst, im Zuschnitt der ihnen nützt. Sie organisieren den Zugang zu Arbeit, zu Debatten, zu Öffentlichkeit. Über die Alternative dazu existiert kaum etwas, und das macht sie leicht übergehbar.

Im Rahmen einer Data-Analyst-Zertifizierung habe ich eine kleine explorative Erhebung über die eigene Instanz gemacht, unveröffentlicht, mit der Frage, welche Potenziale in diesem sozialen Jenseits kommerzieller Strukturen stecken. Was explorative Arbeit leisten kann, ist das Eröffnen von Perspektiven. Die Perspektive, die sich eröffnet hat, wäre Opt-in. Nicht als Formalie, sondern als Bedingung dafür, den Gegenstand nicht zu verfehlen: Ein Raum, der sich gegen Vermessung gebildet hat, lässt sich nicht gegen seinen Willen vermessen, ohne zu verschwinden.

Verfahren dafür gibt es noch nicht. Teilnahme freiwillig, prekäre Lebensformen geschützt statt zum Datenpunkt gemacht, offengelegt was erhoben wird und wozu. Solche Verfahren müssten mit denen entwickelt werden, um die es geht.

Ob das gelingt, weiß ich nicht. Sicher ist nur, dass Adressierbarkeit auch etwas einbringt. Über werden Stellen besetzt, über Calls for Papers weitergereicht, aus Antworten werden Bekanntschaften und daraus Projekte. Nichts davon ist Gegenleistung für irgendetwas. Es fällt zu, weil jemand ansprechbar war, als jemand anderes suchte. Unsichtbarkeit hat also auch einen Preis, und der wird selten mitgerechnet.

Zugriff auf Direktnachrichten

Veranlasst durch einige Gespräche über Ende-zu-Ende-Verschlüsselung (E2EE) und die Sicherheit von Direktnachrichten („Private Erwähnungen“) habe ich mich damit beschäftigt, welche Möglichkeiten Betreiberinnen und Betreiber einer Mastodon-Instanz grundsätzlich haben, auf die Direktnachrichten angemeldeter Nutzerinnen und Nutzer zuzugreifen. Die zentrale Frage war für mich, ob ein solcher Zugriff auch über Admin-Tokens in Verbindung mit Python möglich ist oder ob er ausschließlich über direkten Serverzugriff – und damit unmittelbaren Zugriff auf die Datenbank – erfolgen kann.

Die meisten Mastodon-Instanzen im Fediverse dürften bei Fully-Managed-Hostern wie Masto.host oder Ossrox betrieben werden. Das erschwert den direkten Datenbankzugriff für die eigentlichen Instanzbetreiber etwas. Natürlich stellen auch Fully-Managed-Hoster den Betreibern Zugriff auf gespeicherte Daten bereit, etwa in Form von Backups oder beim Umzug bzw. Schließen einer Instanz.

Für einen alltäglichen, unbemerkten 24/7-Zugriff auf alle privaten Erwähnungen wäre jedoch ein API-Zugriff deutlich einfacher. Gelegenheit macht bekanntlich Diebe – und wenn Direktnachrichten per Knopfdruck abrufbar wären, wäre das zumindest relevant, um unbedarften Nutzerinnen und Nutzern die Risiken unverschlüsselter Kommunikation und die tatsächliche Funktionsweise privater Erwähnungen besser zu erklären.

Ergebnis meiner Versuche ist, dass es über die Mastodon-API nicht möglich ist, fremde Direktnachrichten auszulesen – auch nicht mit einem Admin-Token. Ohne direkten Datenbankzugriff ist ein Auslesen allein über das Mastodon-Backend selbst mit vollständigen Admin-Rechten und einem Token mit allen Berechtigungen nicht möglich. Mastodon filtert diese Nachrichten auf API-Ebene heraus – nur die direkt beteiligten Nutzenden können sie lesen.

Es gilt weiterhin, dass Direktnachrichten bei Mastodon nicht Ende-zu-Ende-verschlüsselt sind. Sie liegen im Klartext in der Datenbank und jemand mit Zugang zum Server (Serveradministration) kann sie theoretisch lesen.

Fazit

Für normale Gespräche auf Mastodon sind Direktnachrichten ausreichend geschützt. Die API-Schnittstelle verhindert effektiv, dass Admins einfach „mal eben“ Nachrichten mitlesen können. Für wirklich sensible Kommunikation sollte man Dienste mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung nutzen (Signal Messenger, Matrix, PGP). Mastodon-Direktnachrichten sind etwa so privat wie E-Mails: Für die meisten Zwecke gut genug, aber kein Ersatz für echte Verschlüsselung bei hochsensiblen Inhalten.

Social Media – Bücherschränke

Bücherschränke sind Orte, an denen ich bei Spaziergängen gerne verweile. In Großstädten ist das Inventar desselben Bücherschranks von Woche zu Woche in der Regel komplett unterschiedlich, und erstaunlich oft stolpere ich beim Stöbern in ihnen über Bücher, die mich so sehr faszinieren, dass ich sie tatsächlich einstecke und zunächst mit nach Hause nehme. Nachdem ich diese Bücher zufällig, umsonst und ohne spezifischen Zweck erhalten habe, ist meine Bereitschaft, sie nach eingehender Begutachtung wieder in Freiheit zu entlassen, sehr hoch, wodurch sich immer wieder Gründe ergeben, Bücherschränke aufs Neue aufzusuchen.

Öffentliche Bücherschränke lassen sich als Social Media begreifen, wenn man Social Media so versteht, dass durch sie Konsumenten zu Produzenten werden. Inhalte bzw. Informationen werden also nicht mehr von einer zentralen Stelle aus an Unbekannte verteilt, sondern Informationen werden durch die Nutzenden selbst zusammengetragen, kuratiert, bewertet und weiterverbreitet. Auch bei Bücherschränken fällt, genau wie auf Social Media, mitunter auch „Müll“ an, was die These verstärkt, dass es sich dabei um Social Media handelt, und hier wie dort kann niemand so ganz genau sagen, wozu es eigentlich exakt gut ist. Ein Unterschied könnte sein, dass die Nutzenden von Bücherschränken nur in seltenen Fällen die beigetragenen Werke selbst hergestellt haben, was allerdings eher darauf hinweist, dass bei Bücherschränken physische Dinge zusammengetragen werden und sich Social Media ein Stückweit auch durch ihre Immaterialität auszeichnen.

Zusammen mit Bekannten arbeite ich gerade an einem kleinen Projekt, um Social Media im eigentlichen Sinne (genauer gesagt Fediverse) mit Social Media im Sinne von Bücherschränken zu verbinden. Wir wollen Nutzungsweisen sichtbar machen sowie neu hervorbringen, Vernetzung und Ressourcenakkumulation ermöglichen. Für unsere Idee schreiben wir gerade einen Förderantrag, zwei Programmierer und einen tatkräftig unterstützenden System Engineer haben wir bereits.

Falls du diese Idee interessant oder unterstützenswert findest, melde dich gerne: #testaPP